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| Tagebuch 1966-1971 (suhrkamp taschenbuch)
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"Kindheit haben, heißt tausend Leben vor dem Einen." (R.M. Rilke)
• • • • • (bewertet mit 4 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Tagebuch 1966-1971 (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch) "Füge dich nicht in das Gegebene als genüge es." (Carlo Michelstädter in: Überzeugung und Rhetorik)
Die Frage aus dem Tagebuch: " Wenn Sie einen Toten sehen: welche Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?"
Das ist Frisch (1911-1991) in den Jahren 1966-1971 und mit dem biblischen Gebot aus dem ersten Tagebuch (Tagebuch 1946-1949): "Du sollst Dir kein Bildnis machen!" experimentiert er auch hier mit dem Leser und sich selbst. Im dritten Tagebuch erst hörte Frisch mit der Imagination von Tod und Sterben auf, er söhnte sich aus mit dem Leben und mit dem Ich. Auch wenn die Phantasie eines "Lebensabendhauses" zu deutlich auf etwas Festes hinweist und somit alle notwendigen Illusionen einreißt, bleibt ein Potential von Hoffnung, welches auf Aufschub drängt und Raum und Zeit im Übergang für nichtig erklärt.
Seine hier erinnerten fünf Jahre sind in Schrift, Schriftbild und Inhalt sehr verschieden, sie mäandern zwischen Illusion, Phantasie und realer Welt, letztere immer da, wo der Zeitungsartikel Pate steht für eine Aussage. Doch alles erscheint nah und zugleich distanziert zu Frisch, in einer Bandbreite von sachlicher Wirklichkeit und hoffnungsfroher Möglichkeit. Er erklärt sich zum "Monsieur Teste" seiner selbst. Er spricht mit z.B. Brecht und erklärt dessen Schreiben nicht für Literatur, sondern für Therapie. Nichts ist selbstbezüglicher als über andere zu reden und Frisch wird nahezu zum Existentialisten, der im Auge des anderen sich selbst erkennt. (vgl. Sartre)
Brechts Mut zur Aufforderung: "Fragen kannst Du immer!" wird zu Frisch nahezu ironischem Mut, den Leser mit Frageblöcken zur Selbstbefragung zu bewegen. So wie ein Journalist vor einiger Zeit schrieb, die Fragen immer dabei zu haben, damit ein Interview gelänge, so ist auch seine Erkenntnis deckungsgleich mit Frisch. Die Antworten werden im Schweigen gegeben, weil die Fragen berühren und innere Einkehr erwarten. Sie stoßen an die Grundfeste des Ichs, auch an das Ich von Frisch und mit einer Anleihe von Kafka kann man vermuten, dass die Antworten für Frisch der Frage immanent sind. Doch gerade wird in den Antworten geschwiegen, wo doch das Schweigen wie die Leere zwischen den Wörtern für Frisch als die beredtesten Momente zählen, weil hier das Eigentliche sich verbirgt. (für Kafka war es das Gespräch unter dem Gespräch) Frisch aphoristisches Gedankenspiel rund ums Schweigen verdient hier Beachtung. Auch erfährt der Leser vieles über die letzte Heimat von Max Frisch. Berzona, ein kleiner Ort in einem Seitental im Tessin war ihm letzte Zuflucht. In Montauk, mit Geiser im Holozän waren die anderen literarischen Hinweise auf das reale Berzona verbunden. Mit heute gerade mal ca. 40 Einwohnern eine Oase der Ruhe, jedoch mit der Ausstellung anläßlich des 100. Geburtstages zum 15.Mai im Hauptort Loco sicher ein Ort für durchreisende Freunde seiner Werke.
Dass der Leser eben hier eine Art Autobiographie zu Recht vermutet, wird untermauert an der Stelle, wo "Erfahrung sich in Erfindung umsetzt". Für Frisch bleibt sein Ich in und über Allem eine gesuchte Größe im Ungefähren. Denn wie er bereits 1946 sagte: "Ich lebe aus keinem eigenen Anlass heraus", bleibt in der Tat nur die Notwendigkeit, das Kind in sich zu bewahren, damit die tausend Leben bleiben vor dem einen und damit die Hoffnung, die zugleich Aufschub ist.
Mit dieser Maxime konnte er nicht Architekt bleiben, weil er dort Endgültiges schafft. Gerade im Wendepunkt des Lebens schrieb er noch jung im Jahre 1937 "Die Antwort aus der Stille" und hier wird jene Ambivalenz deutlich, die Antreiber ist für dieses Leben zwischen der Wahl, ein "toter Lebendiger" oder ein "lebendiger Toter "zu sein. Der Häuserbau im Möglichen bedurfte der Schrift und jede Illusion trägt das romanhaft Erschaffene an den Ort, an dem ein Traum es braucht. ~~
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 14. Mai 2011 | | |
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